On duty

6:45

Aufstehen, waschen (wir haben kein fließendes Wasser, also benutzen wir einen Waschlappen, eine Wassertonne mit teilweise tiefbraunem Wasser und eine geköpfte Volvic-Flasche als Schöpfkelle), rasieren (jedenfalls ich - schon mal in einem selbstgehaltenen und dementsprechend wackelnden Taschenspiegel rasiert???) und frühstücken. Meistens gibt es Brot mit Margarine, manchmal Mandazi (frittierter süßer Kuchenteig) oder leckere Pfannkuchen.

7:30

Morgenandacht in der kleinen Kapelle des Krankenhauses. Wir verstehen gar nichts, aber der Sonnenaufgang ist phänomenal. Und singen können sie hier - vierstimmig ist normal, und jeder deutsche Ghospelchor würde in Ehrfurcht erblassen.

8.00

"Morning Session" im Krankenhaus. Im allgemeinen auf Englisch abgehaltene Besprechung der Angestellten mit dem Report der Nachtschichtler. Den Report habe ich noch nie komplett verstanden, häufig schnappe ich nur einzelne Wörter auf, denn wenn Afrikaner, die das Englisch sowieso schon komisch aussprechen, auch noch leise sprechen und nuscheln, dann hilft echt nichts mehr.

Noch eine kleine "Anekdote": ein Patient hatte Pflanzen gegessen, die richtig gekocht ungiftig sind, aber eben nicht richtig gekocht waren. Er war in der Nacht mit einer Cyanidvergiftung (gleicher Effekt wie Zyankali - bestimmte Bestandteile der Zellen werden blockiert und der Patient erstickt innerlich) eingeliefert und sofort mit Atropin behandelt worden, weil keiner wußte, wie man eine solche Vergiftung bekämpft. Da ich mich als CTA zumindest grob mit Cyaniden, deren Giftwirkung und vor allem den Gegengiften auseinandergesetzt hatte, ahnte ich, daß dadurch kein Erfolg zu erzielen war. Also nahm ich Dr. Kiula nach der "Morning Session" beiseite und erzählte ihm, was ich wußte. Zusätzlich suchten wir aus dem Arzneibuch, das in der Pharmazie auslag, aber selten oder nie benutzt wurde, alle Informationen über Blausäure heraus, die wir finden konnten. Dr. Kiula war sehr dankbar für den Hinweis und sagte zu seiner Verteidigung, daß er sich mit Giften nicht auskenne...

8:30

Beginn der Arbeit in der "pharmazeutischen Abteilung". Im Grunde genommen ist diese Abteilung nichts anderes als ein riesiger Raum mit einer vergitterten Theke und einem abgetrennten "Lager". Ein jahrhundertealter Speicher, auf dem Generationen ihren Krimskrams unsortiert abgelegt haben, ist vermutlich aufgeräumter als dieser Lagerraum. Hier verrotten ohne jegliche Übertreibung Zehntausende von Kathetern, Spritzen, Kanülen, Skalpellen, Nadeln und was weiß ich nicht alles. Termiten haben ehemalige Pappschachteln durch brüchige Sandwände ersetzt, und auf wirklich allem liegt zentimeterhoher rötlich(tödlich?)-brauner Staub. Die allerschönsten Arzneischachteln aus den 60er Jahren vermodern hier - die besten werde ich mir demnächst mal unter den Nagel reißen. Licht in das Dickicht bringen - so lautet unsere Aufgabe, aber leicht ist die nicht.

10:00 - 10:30

"Saa chai" - tea time. Zeit zum Erholen, aber wirklich Arbeiten tut hier eh niemand.

14:30

Das "offisi ya madawa" (Büro von Medizin) wird geschlossen. Mittagessen. Nachdem es einmal Fleisch gab, bevorzugen wir vegetarische Kost, denn die Tiere bekommen hier weder Futter, noch Wasser im Überfluß, und das Fleisch sieht dementsprechend aus. Anna ist eine wahrhaft begnadete Köchin und zaubert immer wieder die schönsten Gerichte aus dem bißchen, was wir hier so einkaufen können.

20:30

Schlafengehen. Ich schlafe täglich mindestens zehn Stunden, und trotzdem werde ich von Tag zu Tag müder. Merkwürdig...