Um 4:15 Uhr aufgewacht, angezogen, ins wartende Taxi gesprungen und ab dafür. Für Frühstück war keine Zeit, außerdem - was hätten wir essen sollen? Also fuhren wir die 1000 Meter durch übelstes Gelände. Wir hatten zwar überlegt, zu Fuß zu gehen, denn es war nicht leicht, ein Taxi zu organisieren. Aber nachdem uns wirklich JEDER davon abgeraten hatte, haben wir es gelassen.
Schlaftrunken stolperten wir in den Bus und setzten uns irgendwo hin. Hier stiegen schließlich nur wenige ein. Dennoch wurden wir sofort auf unsere Plätze verwiesen. Pünktlich (!) um fünf ging die Reise los, in einem Bus, dessen letzter Wartungszyklus mit einiger Wahrscheinlichkeit mein Geburtsdatum einschloß und dessen Alter jenseits von Gut und Böse lag. Trotz alledem fuhr er - mit offener Tür und offenen Fenstern. Besser als jede Klimaanlage, denn man friert hier (fast) nicht, und es funktioniert wirklich.
Auf dem Busbahnhof, auf dem wir, immer noch pünktlich (!!!) um 5:20 Uhr ankamen, herrschte schon ein geschäftiges Treiben, da die meisten Busse sehr früh abfahren, denn in den Morgenstunden ist es hier, im Gegensatz zum Rest des Tages, noch schön kühl. Unser Gepäck wurde nun unter dem Bus eingeschlossen, und wir hätten uns mit Bürsten, Kämmen, Plastiktüten, Wasser usw. bei Händlern, meistens kleinen Jungen, die überall herumflitzten, eindecken können. Um halb sieben war der Bus proppevoll, und wer keinen Sitzplatz mehr bekommen hatte, würde nun die nächsten zwölf Stunden im Stehen zwischen Stapeln von Gepäck im Mittelgang verbringen dürfen. Die Gepäcknetze waren übervoll, und trotzdem wurde überall noch Stauraum gefunden. Links vom Gang waren Bänke für zwei, rechts für drei (schmale) Personen - nicht, daß unser Banknachbar besonders schlank gewesen wäre. Es gab etwa 100 Sitzplätze, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß sich während der Fahrt weitere 50 Personen ein Stelldichein gaben. Erstaunlich!
Leicht verspätet ging die Fahrt um kurz vor sieben weiter. Die Tür des Busses blieb während der ganzen Fahrt offen, und in der ersten Stunde ertönte leiernde afrikanische Musik aus einem alten Kassettenrecorder. Etwa alle halbe Stunde hielt der Bus in einer Ortschaft, sei es, um noch Fahrgäste aufzunehmen (im Laufe der Fahrt schätzungsweise noch zehn) oder um den Passagieren die Möglichkeit zu geben, sich mit dem einzudecken, was ihnen die Bewohner des Dorfes anboten. Vor jedem Fenster wurden erneut die Waren jedes einzelnen angepriesen, die weit über Nahrungsmittel wie Bananen und Zuckerrohr allein hinausgingen. Ein-, zweimal durften wir auch aussteigen, der qualvollen Enge für einige Minuten entkommen. Die größte Zeit der Pause ging allerdings beim Ein- und Aussteigen verloren. Die Afrikaner stellten sich an wie ein Hühnerhof in Aufruhr. Leute stiegen übereinander, überholten sich im engen Mittelgang, bewegten sich über die Lehnen der Bänke fort oder blieben irgendwo stehen, am liebsten am Eingang.
Die Straße von Dar es Salaam (inoffizielle Hauptstadt) nach Dodoma (wenigstens offiziell die Hauptstadt Tanzanias) war asphaltiert und in recht gutem Zustand, allerdings für deutsche Maßstäbe eher eine ungepflegte Landstraße. Um 14:00 Uhr kamen wir in Dodoma an, auf den ersten (und bis jetzt einzigen) Blick eher eine Ansammlung von Lehmhütten. [Drei Wochen im Busch später erschien uns Dodoma als wahre Großstadt...]
Hier machten wir eine einstündige Pause, in der Melle und ich es allerdings vorzogen nicht auszusteigen. Dem angenehmen Teil der Busreise folgte die Weiterfahrt in Richtung Singida. Auf einer ausgefahrenen, brettharten Sandpiste mit Regenfurchen, die für eine Dauermassage sämtlicher Körperteile sorgten, raste der Bus mit einer Geschwindigkeit dahin, die mich an Wörter wie "Achsenbruch" oder "zweigeteilter Bus" denken ließ. Die ehemals rötliche Tonerde, versehen mit so vielen ineinander verwachsenen Büschen, daß ich Umschreibung "Busch" für Afrikas Weiten gut verstehen kann, und gelegentlichen Ansammlungen dunkelbrauner Lehmhütten sowie vielen grünen Flecken zwischendrin, war plötzlich eine einzige Dornsavanne. Wir bewegten uns in einer Sandwolke vorwärts, der Bus neigte sich um bis zu 45° in jede Richtung, drohte umzukippen und hielt nur noch, um ähnlich waghalsig fahrenden Tanklastern, die ab und zu aus dem "Nebel" auftauchten, auszuweichen. Der Blick aus der Frontscheibe des Busses war verrückt - als hätte ein Maler nur einige Details gezeichnet und den Rest der Leinwand weiß gelassen.
Nach eineinhalb Stunden war es denn so weit: ein lauter Knall und ein schleifendes Geräusch sowie kurz danach das tiefe Summen der glattgeschliffenen Bremsen. Ein Reifen war geplatzt und wollte ersetzt werden, was mir nach zwölf Stunden endlich die Möglichkeit gab, mich hinter einen Busch zu verdrücken. Alle Fahrgäste versammelten sich im Schatten hinter dem Bus und harrten der Dinge aus, die da kommen sollten oder machten Geschäfte mit Bewohnern eines nahen 10-Seelen-Dorfes, die sogleich herbeiströmten. Wo die ihre eisgekühlte Coca Cola her hatten, weiß der Teufel.
Etwa eine halbe Stunde nach dem Zwischenfall ging es weiter. Vier Ortschaften weiter (und fast zwei Stunden später) waren wir in Manyoni angekommen. Es kam uns fast wie ein Traum vor, vor dem Bus in einer Horde von Tanzaniern zu stehen und auf unser Gepäck zu warten. Glücklicherweise kam ein Jugendlicher in unserem Alter auf uns zu, der Englisch sprach. Er sei zwar nicht von hier, könnte uns aber eine Unterkunft zeigen. Für 2'500 Shilingi (!) bekamen wir die sauberste und schönste Unterkunft, die wir bis dahin in Afrika hatten, im "Family House" mit intakten Moskitonetzen und schönen Betten, allerdings ohne fließend Wasser. Aber wer braucht das wirklich?
Ein relativ ordentliches Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant später, bei dem uns dargelegt wurde, wir möchten doch alsbald Kiswahili lernen, was ich sowieso vorhatte, und das außerdem nur die Hälfte von dem kostete wie ein vergleichbares in Dar es Salaam, wuschen wir uns im Waschraum vermittels der großen Wassertonne und fielen in die schönen Betten. In der Nacht bin ich mehrmals aufgewacht, denn war es um 20:00 Uhr noch angenehm warm, so war davon vier Stunden später nicht mehr viel zu merken. Immerhin liegt Manyoni 1200m über dem Meeresspiegel. Außerdem fing das Leben draußen bereits um fünf Uhr in der Frühe lautstark wieder an, mit einer Unterbrechung von weniger als vier Stunden. Trotzdem - so gut wie in Manyoni habe ich seit langem nicht mehr geschlafen.
Um halb sechs hörte ich das Pfeifen der Eisenbahn, um neun Uhr ging es (erneut ohne Frühstück im Bauch) los in Richtung Kirchenbüro. Aber das ist eine andere Geschichte...