Werte Leserschaft,
wieder einmal sitze ich im Internet-Café, das den unschlagbaren Vorteil einer Klimaanlage besitzt. In den vergangenen Nächten war es des Nachts in meinem Zimmer bis zu 31.5 Grad warm - mein japanischer Wecker verfügt aus mir unerfindlichen Gründen über eine Temperaturanzeige, die lustigerweise immer eine Nachkommastelle von .5 Grad anzeigt, vermutlich um eine höhere Genauigkeit vorzutäuschen -, und die leichte, aber anhaltende Schwüle hat das Schlafen nicht gerade erleichtert. Umso großartiger, dass ich heute Nacht endlich mal wieder einigermaßen ordentlich schlafen konnte.
Um mich ein wenig abzukühlen, habe ich mich heute nach dem Unterricht mit der Uludağ-Seilbahn auf 1650 Meter Höhe bringen lassen. Das lustigste an der Fahrt waren die Träger der Seile, an denen die Gondel wegen der etwas merkwürdigen Konstruktion mal mehr und mal weniger nach unten viel und zu schaukeln begann, was die Türken auf der Hinfahrt jedes Mal mit einem Jauchzen und die Araber auf der Rückfahrt mit einem kehligen "Allah!" untermalten. Hätte ich gewusst, dass An- und Abreise dermaßen schnell vonstatten gehen, wäre ich viel öfter hingefahren. Blöde Reiseführer, blöde!
Oben angekommen bin ich zwei Stunden lang durch den Nationalpark gestreift, habe meine Füße in einem Bergbach gebadet und einen Ziegenkäse-Yufka verspeist. Ich begegnete übrigens nicht nur Nadelholzwäldern und frischer Höhenluft, sondern sogar einem Gewächs, dass ich in meinem jugendlichen Leichtsinn als gelber Enzian einstufen würde. Wenn das Heino wüsste, würde er beim nächsten "Eurovision Song Contest" für die Türkei antreten...
Da ich jedes Mal beim Schreiben vergessen habe, was denn nun die kleinen Dinge sind, die mir hier so auffallen, habe ich mir vor einigen Tagen einen Zettel in den Rucksack gesteckt und mit eben diesen Kleinigkeiten gefüllt. Los geht's...
Zuerst einmal muss ich mich entschuldigen, dass ich den wichtigsten aller türkischen Berufe unterschlagen habe, den Teeträger. Die Angehörigen dieser Berufsgruppe laufen mit behenkelten Tabletts (ähnlich den Kölsch-Kränzen, nur deutlich filigraner) zwischen den Marktständen und eigentlich auch sonst überall herum und bringen Tee zu Ladenbesitzern und Kunden. Woher sie dabei den Tee haben, ist mir allerdings trotz genauer Beobachtungen nicht klar.
Unklar ist mir, warum Polizei- und Feuerwehrwagen ausschließlich mit Warnlicht fahren. Wenn man sie dann wirklich braucht, wird lediglich das Horn dazu angeschaltet.
Weiterhin ist mir unklar, warum bei den Temperaturen hier wirklich jeder mit langen Hosen herumläuft, von den teilweise komplett verhüllten Frauen mal ganz abgesehen. Diesmal habe ich schickere, aber deutlich unpraktischere Kleidung eingepackt, da ich irgendwo gelesen hatte, dass sich Türken auf Reisen immer in Schale schmeißen, selbst wenn es der sie den einzigen Anzug tragen, den es in der Familie gibt. Dadurch falle ich deutlich weniger auf als beim letzten Aufenthalt in der Türkei...
Dass sich die Türken der Wasserproblematik kaum bewusst sind, weiß man ja - immerhin wird gerade in Anlehnung an China ein kulturgutzerstörender Staudamm gebaut, der İstanbul in den kommenden Jahren mit Trinkwasser versorgen soll. Trotzdem finde ich etwas anstrengend, dass ich offensichtlich der einzige im Hotel bin, der die (zugegebenermaßen schwergängigen) Wasserhähne in der Gemeinschaftstoilette ordentlich zudreht. Dadurch tropft es nicht nur beständig, sondern der Boden des kleinen Bads ist auch gerne geflutet. Nur gut, dass ich mir gleich am ersten Tag Badeschlappen gekauft habe.
Beim Thema Toilette fällt mir ein: ich benutze ein in den Boden eingelassenes Porzellanbecken mit zwei seitlichen Tritten. Das Toilettenpapier landet in einem seitlich bereitgestellten Mülleimerchen, und gespült wir mit einem kleinen Topf, der unter einem Wasserhahn steht. Der natürlich beständig vor sich hintropft, aber das Thema hatten wir bereits.
Viele Gehsteige, die den Berg hinauflaufen, sind in der Türkei treppenartig terassiert, was mir heute beim Klettern wieder auffiel. Vermutlich kann man so besser vor den Läden in der Sonne sitzen... ;)
Ein paar sprachliche Eigenschaften: es heißt nicht 25 Kuruş (entspricht Pfennig oder Cent, die eigentliche Währung ist die neue türkische Lira), sondern 250 Kuruş. Warum? Vor ein paar Jahren wurden sechs Nullen der alten, inflationsgeplagten Lira gestrichen. Statt einer Million 250-Tausend Lira sind es jetzt eine Lira 25 Kuruş. Allerdings gewöhnt sich die Straße nur langsam daran, und so kommen die merkwürdigen Beträge zustande.
Am letzten Sonntag ("Pazar") wollte ich auf den Basar (ebenfalls "Pazar"), doch letzterer hatte geschlossen. Da fragt man sich schon, wo der Name des Wochentags eigentlich herkommt, oder?
Den Aufregungsgrad eines Türken kann man an Anzahl und Frequenz des Lautes "ts" (gerade wieder in näherer Vizinität gehört...) ablesen.
Neulich war ich auf zwei Open Air-Konzerten, aber die durchgehende Bestuhlung dämpfte die ansonsten außerordentliche gute Stimmung (Klatschen und Hin- und Herwiegen) deutlich. Allerdings muss ich sagen, dass ich noch nie dermaßen unemotionale und lustlose Musiker gesehen habe wie an den beiden Abenden. Vor allem dem Wortführer und Mann mit der Derwisch-Flöte des zweiten Abends hätte ich selbige Flöte am liebsten in den Rachen gerammt. Eine typische Ansage: "Wir danken. [Pause] Ja. [Pause] Das nächste Stück - 'Brief'." Aber so etwas kommt vor, gell?
Apropos Derwische, vor ein paar Tagen habe ich mir tanzende Derwische in einem Kulturzentrum angesehen. Unglaublich! Und morgen (İnşallah! Letztes Mal fiel es aus!) werde ich mir das berühmte Schattentheater "Karagöz" ansehen. Drückt mir die Daumen!
Noch kurz mein gestriges Abendessen, das gar nicht mal teuer war:
Man muss ja auch dafür sorgen, dass der Empfang des Zurückgekehrten entsprechend liebevoll ausfällt, nicht wahr? ;)
Bis auf die Erwähnung meines gestrigen zweieinhalbstündigen Gesprächs mit einem Sicherheitsbeamten der Post, der mich beim Briefmarkenkauf zu einem Tee einlud, bin ich fertig. Ist wieder lang geworden, aber dafür habt Ihr erstmal Eure Ruhe. Denn am Freitag geht's auf ein Inselchen in der Ägäis...
Selamlar,
Martin